FESTREDEN

Prof. Dr. Werner Knopp
Regierender Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen
Ministerpräsident Manfred Stolpe

 

Festvortrag des ehemaligen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Dr. Werner Knopp, anlässlich der Eröffnung des Preußenjahres am 18. Januar 2001 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt.

I.
Ein Schloss in die Luft zu sprengen, ist leicht. Die Lücke, die es lässt, zu schließen, ist schwer, denn Geschichte lässt sich nicht in die Luft sprengen. Wo wüsste man das besser als in Potsdam und Berlin. Aber man weiß es auch in Kaliningrad, dem früheren Königsberg. Dort war es Leonid Breschnew, der das Schloss der preußischen Könige beseitigen ließ wie ein störendes Möbelstück - das Schloss, in dem sich heute vor dreihundert Jahren Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg die Krone eines Königs in Preußen aufs Haupt setzte.

Selbstgewiss versuchte man im sowjetischen Kaliningrad die gesprengte Lücke durch einen modernen Büroturm zu schließen. Aber es ist, als ob ein Fluch auf diesem Versuch lag: Die Baupolizei hat den Neubau alsbald geschlossen. Und von den Bürgern der Stadt verachtet, steht er heute in bester Lage als Investitions-, oder besser gesagt: als Politruine da, gespenstischer als es die echte, die Kriegsruine sein konnte. Unsere russische Fremdenführerin benutzte den Bau denn auch nur als höhnischen Aufhänger, um uns sogleich vom alten Königsberg zu erzählen, aber auch vom alten Preußen.

Das Preußen, vom dem die junge Russin sprach, war 1701 nicht aus dem Nichts entstanden. Es setzte Brandenburg fort, die alte Mark, zum Kurfürstentum aufgestiegen und seit 1415 von den Hohenzollern regiert, bald mit dem bis dahin wenig aufgefallenen Berlin als Hauptstadt. Den entscheidenden Quantensprung machte Brandenburg auch gar nicht 1701, sondern lange vorher. Schon Anfang des 17. Jahrhunderts vergrößerte es sich - friedlich - um Landstriche am Niederrhein, in Westfalen, in Pommern und Ostpreußen, dem früheren Ordensstaat an der Ostsee. Allein das Mittelstück Brandenburgs reichte nach dem dreißigjährigen Krieg schon von Marienborn bis an den späteren polnischen Korridor - und die Oder, heute deutsche Ostgrenze, war die Mittelachse des Landes.

Der Große Kurfürst stabilisierte und organisierte diesen Staat, holte Holländer und Hugenotten ins Land und gab ihm das Toleranzprinzip mit auf den Weg, in dem sich Humanität und Wirtschaftspolitik verbanden. Eine Zeitbombe hinterließ er allerdings auch. Testamentarisch hatte er die Aufteilung des Landes unter verschiedene seiner Nachkommen vorgesehen. Der neue Kurfürst Friedrich III. entschärfte diese Zeitbombe kühl und ganz unspektakulär, indem er das Testament einfach ignorierte. Um so spektakulärer war seine zweite staatspolitische Tat, die Königskrönung. Die neue Würde hatte Friedrich aus seiner Herrschaft über das nicht zum Reich gehörende Preußen abgeleitet und dadurch ebenso wie durch Zusage von Hilfstruppen und durch reichlich „Schmiralia“ die Zustimmung des Kaisers in Wien erlangt. Keinen Quadratmeter Landes und auch sonst keinen Machtzuwachs brachte die neue Krone, nur eine Rangerhöhung.

Sich eine Königskrone zu verschaffen, war um diese Zeit unter Deutschlands Kurfürsten modern. Friedrichs Kollegen in Dresden und Hannover schafften das ebenfalls. Aber ihre Kronen waren schon existierende, fremde Kronen. Die des Königs in Preußen war eine selbst geschaffene und dazu eine deutsche Krone. In Europa war ihr am ehesten die Königskrone von Sardinien vergleichbar, die 1718 der Herzog von Savoyen durch die Großmächte zugeschanzt erhielt. (Das sollte nicht die einzige Parallele zwischen Preußen und Sardinien, oder Piemont, wie es später hieß, bleiben).
König zu werden und König zu sein, kostete Geld, viel Geld. Friedrich I., wie er sich als König nannte, hinterließ ein schwarz-weißes Königsreich, aber es schrieb tiefrote Zahlen.

II.
Ein konkursreifer barocker Fürstenstaat mehr in Deutschland, dabei hätte es bleiben können. Zwei Könige, Vater und Sohn, sorgten dafür, dass es anders kam. Der Vater, der Soldatenkönig, schuf das erste Preußen, wie ich es nennen möchte, als eine Macht von unverwechselbarer Identität. Der Sohn, Friedrich II. - weithin hartnäckig Friedrich der Große genannt - machte von der Macht auch durch Krieg bedenkenlos Gebrauch und verschaffte diesem Preußen auf dem Rücken von Österreich, Sachsen und Polen den Rang einer Großmacht, gab dieser Großmacht aber auch die geistigen Grundlagen und die kulturelle Grundausstattung mit. Auf diese Kurzformeln könnte man ein langes und grundlegendes Kapitel preußischer Geschichte bringen.

Der Soldatenkönig war der Schöpfer des preußischen Stils, den er bei aller Frömmigkeit mit Härte, ja Brutalität, durchsetzte. Preußen bekam dadurch etwas Musterhaftes, zugleich etwas Angestrengtes, Zwanghaftes mit auf den Weg - ein harter Obrigkeitsstaat, durch eine starre hierarchische Ordnung geprägt, mit einem landsässigen Adel, der dem König in Staat und Armee an bevorzugter Stelle zu dienen hatte und dafür mit einer Absicherung seiner sozialen und wirtschaftlichen Stellung belohnt wurde. Friedrich der Große fügte die Großmacht, aber auch Elemente eines Vernunftstaates hinzu. Die religiöse Toleranz galt fort, die Folter wurde abgeschafft, die Bindung selbst des Königs an das Recht entwickelte sich, das allgemeine Landrecht entstand. Voraussetzung dafür war die scharfe, von Friedrich entwickelte begriffliche Trennung zwischen König und Staat, die es erlaubte, den König als ersten Diener seines Staates zu definieren. Territorial öffnete sich Preußen durch Schlesien und Teile Polens weit nach Mittelosteuropa hinein. Es bekam die charakteristische Gestalt einer nach Osten offenen Schere, die es bis zu seinem Ende behalten sollte.

Dieses erste, das friderizianische Preußen, geriet nach Friedrichs Tod in Jahrzehnte der Unruhe und der Umbrüche im Schatten der französischen Revolution und Napoleons. Kulturell wie viele instabile Zeiten höchst fruchtbar, brachte diese Periode vorübergehend durch die dritte Teilung Polens eine Ostverschiebung, die, wäre sie dauerhaft gewesen, Preußen zu einem Zweivölkerstaat gemacht hätte. Warschau war eine Zeit lang preußische Provinzstadt, und von 8,7 Millionen Preußen waren 2,4 Millionen Polen.

1806 stand dieses erste Preußen am Abgrund, und als selbständiger Staat gerettet wurde es eigentlich nur durch den auch sonst bewährten Schulterschluss mit Russland. Aus eigener Kraft gestaltete es mit den preußischen Reformen das alte, abgelebte friderizianische System um und machte Preußen zukunftsfähig. Stein, Hardenberg, Gneisenau, Scharnhorst hießen die großen Reformer: alle vier keine geborenen Preußen. Man sieht - Preußen war für Spitzenkräfte aus ganz Deutschland attraktiv geworden.

Der König Friedrich Wilhelm III., redlich, nüchtern, etwas verklemmt wie er war, hielt in diesen unruhigen Zeiten den Staat zusammen, einfach dadurch, dass er da war. Er lieferte mit der Königin Luise, ihrer Schönheit, ihrem Leiden und ihrem Sterben zudem einen weiblichen Preußenmythos, der den kalten friderizianischen Mythos durch Wärme ergänzte und Generationen von Preußinnen, einschließlich meiner Großmutter, mit patriotischem Feuer erfüllte.

III.
1815 auf dem Wiener Kongress saß Preußen als Siegermacht mit am Tisch und konnte sich für eine längere Ruhezeit als das zweite Preußen, das Preußen des Deutsche Bundes, formieren.
Erstes Ergebnis: Die Ostorientierung, die Preußen gerne durch ganz Sachsen und möglichst viel Polen wieder ausgebaut hätte, blieb ihm versagt. Statt dessen erfuhr es eine Westverschiebung, vor allem auf Drängen Englands: als Bollwerk gegen französischen Revanchismus. Europa schickte Preußen auf die Wacht am Rhein, während Österreich sich territorial aus Deutschland herauszog. Preußen wurde so in die Deutschlandpolitik, die es bis dahin nur mit der linken Hand und eher als Vorwand betrieben hatte, förmlich hineingestoßen.

Zweites Ergebnis: Preußen - außer Ost- und Westpreußen - wurde Teil des Deutschen Bundes und mit diesem ein harter Polizeistaat, dem der König unter Bruch seines Versprechens auch eine Verfassung versagte. Allmählich entfaltete indes die preußische Verwaltung durch Effizienz und Rechtlichkeit ihre Vorzüge und half ebenso, „moralische Eroberungen“ in Deutschland zu machen wie die preußische Kulturpolitik.

Die größte Leistung der preußischen Ministerialbürokratie für Deutschland war der Zollverein. Die politische Einigung kam Preußen zunächst von unter her über den Hals. 1848 weht Schwarz-Rot-Gold auch in Berlin. Die deutschen Staaten, an ihrer Spitze Preußen, lassen die Revolution ins Leere laufen und kehren zur Repression zurück. 1850 bekommt Preußen von oben her endgültig eine Verfassung und auf Dauer ein Parlament. Die zweite Kammer heißt Abgeordnetenhaus, ein Name, den das Berliner Parlament bis heute führt. Das diskriminierende Dreiklassenwahlrecht führt listigerweise zu liberalen Mehrheiten, und diese führen zum Verfassungskonflikt. Für einen historischen Augenblick erscheint die Fata Morgana einer parlamentarischen Monarchie und einer Westorientierung Preußens am Horizont.

Doch kein deutscher Gladstone kam, sondern ein lebendiges Kontrastprogramm in Gestalt Otto von Bismarcks, der die Heeresreform gegen das Parlament durchsetzte und die deutsche Einheit von oben her erzwang, wobei er den Einsatz revolutionärer Mittel wie das demokratische Paulskirchenwahlrecht für den Reichstag nicht verschmähte. Es war die zweite „Machteruption“ (K.D.Erdmann) der Preußen seit den Aktionen Friedrichs des Großen, während sie sonst eher vorsichtig operiert hatten - „So schnell schießen die Preußen nicht“, sagen wir bis heute. Diesmal schossen sie, und noch dazu mit dem überlegenen Zündladegewehr, und fast ganz Norddeutschland wurde jetzt preußisch - mit Ausnahme Sachsens und einiger versprengter Satelliten: „Bismarcks Zaunkönige“, wie man sie spöttisch nannte. Dies hinterließ seine Wunden. An hannöverschen Kaminfeuern - wer weiß das besser als ich - kann man heute noch mühelos ganze Abende mit antipreußischen Anekdoten füllen.

Bewusst wiederum an einem 18. Januar 1871, mitten im Krieg gegen Frankreich, wurde der neue deutsche Kaiser ausgerufen. Es war Wilhelm I., ein nüchterner, altpreußischer Soldat, der Bismarck wegen der neuen Würde grollte und eine Witterung dafür hatte, dass sein Preußen jetzt auf eine Rutschbahn ins Ungewisse geriet.

IV.
Dabei schien Preußen doch auf dem Höhepunkt einer vorbestimmten Karriere angelangt, und die Traditionslinie der Hohenzollernkaiser wurde mit deutschem Perfektionismus sogleich bis zu Barbarossa und den andern alten Kaisern zurückverlängert. Auf dem Kyffhäuser und in der nachgebauten Kaiserpfalz zu Goslar kann man es staunend sehen. Im Grunde wurde sogar Hermann der Cherusker als der erste Vorläufer des preußischen Reiches empfunden: Arminius, der erste Preuße, so könnte man spöttisch sagen.

Preußen war jetzt in einen deutschen Staat eingebunden, wenngleich als dessen Haupt- und Führungsmacht. Drei Fünftel des Reiches waren preußisch. Das dritte, das kaiserliche Preußen, war ins Leben getreten. Es war das Preußen, in dem einige der schönsten Romane Theodor Fontanes spielen, das Preußen, dem Menzel und Anton von Werner jetzt seine Heldengalerien malten. Es war auch das Preußen des Hauptmanns von Köpenick - Symbolfigur für eine im Glanz des neuen Reiches eintretende Veräußerlichung und Übertreibung des zackig Militärischen, die auch das nicht preußische Deutschland nicht unberührt ließ. Sozusagen im Gegenstrom gegen solche Verpreußung erfolgte aber ein Aufgehen Preußens in Deutschland, und diese Tendenz sollte sich als stärker und dauerhafter erweisen.

Die an die Stelle von Preußen getretene neue Großmacht Deutschland erst einmal ins europäische Mächtesystem einzufügen, war die zweite große Leistung Bismarcks. Innenpolitisch operierte er, und mit ihm sein Preußen, nicht so glücklich. In der politischen Architektur des Reiches waren zukunftweisende und zukunftblockierende, überholte Elemente merkwürdig ineinander verschränkt. Und im Grunde war ein solches System zur Stagnation und zum „Überholtwerden“ verurteilt.

Zwei große Konflikte belasteten seine Bilanz zusätzlich und fügten den schon reichlich vorhandenen regionalen Gegnern Preußens soziale Gegner hinzu: Kulturkampf und Sozialistenverfolgung. Beide waren keine preußische Besonderheit, wurden aber in Preußen mit jener Sturheit durchgeführt, die der preußischen Verwaltung eigen sein konnte und die durch Bismarcks rachsüchtiges Naturell noch einen erschwerenden Akzent erhielt. Obwohl auch das liberale Baden einen ebenso gnadenlosen Kulturkampf gegen die katholische Kirche führte und das fröhliche Italien zeitweise ein volles Drittel seiner Bischöfe in die Verbannung schickte, trägt man Preußen und Bismarck diesen Konflikt bis heute besonders nach. Die Härte der Sozialistenverfolgung überschattete die sozialpolitischen Leistungen Preußens. Bismarcks Sozialgesetze waren zwar Reichsgesetze, aber aus preußischem Geist, dem Geist der patriarchalischen Fürsorgepflicht des Gutsherrn, geboren. Die Arbeiter, denen damit der revolutionäre Schneid abgekauft werden sollte, hielten an ihren Überzeugungen fest, aber dankbar waren sie für die soziale Grundsicherung doch.

Die preußische Verwaltung und das sie kontrollierende Oberverwaltungsgericht in der Berliner Hardenbergstraße entfalteten jetzt ihre volle Qualität. Glänzen konnte das dritte, das kaiserliche Preußen, vor allem in der Wirtschafts- und in der Kulturpolitik. Der hegemoniale Föderalismus des Bismarckreiches hatte viele Nachteile, aber hier zeigte er einen großen Vorteil: Die kulturelle Ausstattung der Reichshauptstadt Berlin war schon damals nach der Verfassung (nicht nur nach deren Folklore) Sache des zuständigen Landes. Zuständig aber war damals der Großstaat Preußen, der auch über die notwendigen Mittel verfügte und sie konzentriert zur Hauptstadtförderung einsetzte. Das Reich musste ebenso wenig einen Pfennig dafür zahlen wie die anderen Länder. Zu Recht weist unser geschichtskundiger Kultursenator Stölzl immer wieder auf die Lücke hin, die der Wegfall Preußens insoweit gerissen hat, und die nur durch Gemeinschaftslösungen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder durch Hilfe des Bundes geschlossen werden kann.

Außer der Kunst kamen Preußens Potenz und Ehrgeiz auch der Wissenschaft zugute, die - wiederum vor allem in Berlin und unter Betreuung durch legendäre Figuren wie den Ministerialdirektor Althoff, in dessen Vorzimmer man der Legende nach „Dekane weinen sehen“ konnte - ebenfalls zur Weltspitze vorstieß und einen Nobelpreisträger nach dem anderen stellte. Auch heute selbstverständliche Einrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft gehen auf jene Zeit des dritten Preußen zurück. Und Preußens letzter König, der viel gescholtene Wilhelm II., hatte seinen Anteil daran.

Ungeachtet solcher Leistungen liefen das politische System Preußens und des Reiches und die berechtigten Ansprüche der bürgerlichen und Arbeiterschichten auf politische und gesellschaftliche Mitbestimmung immer weiter auseinander. Bei allem Glanz der Kaiserparaden knisterte es im Gebälk.

Mit dem Verlust des Ersten Weltkrieges brach das System denn auch zusammen. Der preußische Kaiser hatte durch unbedachtes Agieren und vor allem Reden viel dazu beigetragen, die internationale Atmosphäre zu belasten und Misstrauen gegen Deutschland aufzubauen. Die politische Verantwortung in der Krise vor Ausbruch des Krieges lag bei einer Reichsleitung, die mit der Führungsspitze Preußens identisch war. Keine Aggressionslust herrschte hier, eher eine Mischung aus vermeintlich beherrschbarem Spiel mit dem Feuer und Fatalismus, ein seufzendes „Vielleicht doch besser jetzt als später“. In der entscheidenden Phase geriet man zudem, wie die anderen europäischen Großmächte auch, in den Bann der eigenen Aufmarsch- und Operationspläne, in Berlin des Schlieffen-Plans, einer Produktion des preußischen Generalstabes, und seiner vermeintlich unentrinnbaren Fristen. Doch dann lief, wir wissen es, alles gar nicht nach Plan, und den anschließenden Zermürbungskrieg überstand Deutschland nicht. Am Ende gab es keine Monarchen und kein Preußen mehr. Es sah jedenfalls im November 1918 ganz so aus.

V.
Doch wider alles Erwarten sollte es noch ein viertes Preußen geben. Noch einmal hielt der preußische Staat trotz Einsturz seines Herrschaftssystemes zusammen, durch eigene Schwerkraft und durch Mangel an Alternativen. So entstand der Freistaat Preußen mit einem „zivilen“ schwarzen Adler als Wappen und einer parlamentarisch-demokratischen Verfassung. Zwölf Jahre lang wurde dieses vierte Preußen von einer großen Koalition aus Sozialdemokratie und Zentrum geführt, mit dem Königsberger Gewerkschaftler Otto Braun an der Spitze. Es war mir eine große Freude, dass das vereinigte Berlin eine prominente Straße nach ihm benannt hat. Er verdient es, meine Damen und Herren, denn er machte sein Preußen zu einem stabilisierenden Faktor in der turbulenten Republik von Weimar. Noch mehr, er gab dem republikanischen Preußen sogar eine neue Ideologie, eine neue Staatsidee mit auf den Weg, mit der die preußischen Staatstugenden einen neuen Bezugspunkt erhalten sollten. Ausgerechnet Preußen bekam eine neue, eine demokratische Sendung eingepflanzt.

Den „Alternativ-Preußen“ war das gar nicht recht. Damit bezeichne ich das in antirepublikanischer Opposition verharrende altpreußische Establishment, das vor allem in Potsdam saß und vor sich hin grollte. Hier setzte man auf eine, wie man meinte, „nationale“ Alternative zur preußischen und deutschen Republik. So applaudierte man auch dem „Preußenschlag“, jenem Staatsstreich, mit dem am 20. Juli 1932 der Reichskanzler Franz von Papen Otto Braun und seine Regierung aus dem Amt jagte. Außer einem fruchtlosen Prozess gab es keinen Widerstand. Und ohnehin stand bald Hitler vor der Tür. Der Preußenschlag beendete Preußens Existenz als selbständig handelnde politische Einheit. Was blieb, war ein Verwaltungsbezirk des Reiches, bald mit Hermann Göring als Ministerpräsident.

Der Tag von Potsdam war von Hitler und Goebels als nationales Weihespiel inszeniert, um mit dem immer noch vorhandenen Prestige Preußens die Legitimität der eigenen Herrschaft aufzubessern. Das konservative Preußen, in restaurativen Illusionen gefangen, spielte leider mit. In der Kaiserloge der Garnisonskirche saß der Kronprinz. Preußens Tugenden, auf den an Religion, Sittengesetz und Recht gebundenen König bezogen, wurden jetzt auf einen Bezugspunkt umgepolt, dem, wie sich bald zeigen sollte, jede moralische Verankerung fehlte. Und diese Konstellation sollte verhängnisvoll werden. Es spricht für die Prägekraft Preußens, dass, als das Verhängnis offenbar wurde, aus der alten Führungsschicht des Landes viele des Widerstandes gegen Hitler hervorgingen, der im Umsturzversuch des 20. Juli 1944 gipfeln sollte. Die Namensliste derer, die dabei ihr Leben gaben, liest sich wie ein Gang durch die Geschichte des militärischen und politischen Preußen und setzt hinter diese Geschichte einen ehrenhaften Schlusspunkt.

Was sich gegen Ende des Krieges noch Preußen nannte, versank in Lärm und Qualm des deutschen Zusammenbruches. Das letzte zuverlässige Lebenszeichen des staatlichen Preußen war ein Gesetzblatt mit dem Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1945, ausgegeben am 17. April 1945 hier in Berlin, als der Kanonendonner von der Oderfront schon in der Stadt zu hören war. Was am 18. Januar 1701 im fernen Königsberg begonnen hatte, fand damit sein Ende: Der Weg Preußens durch die Geschichte. Was die Alliierten mit dem berühmten Kontrollratsgesetz nachlieferten, war nur eine hämische Beurkundung, eine Art historischer Totenschein.

VI.
Auch wer Preußen nicht mag, und das gibt es ja, kann sich, glaube ich, dem Gewicht und der Tragik nicht entziehen, die seine Geschichte kennzeichnen. Eindrucksvoll ist schon ihre Architektur: konsequenter Aufstieg über den Zwischensturz von 1806 bis zum Gipfel der Macht 1871. Dann ein schrittweises Sterben, ein Perfektionismus des Untergangs, so könnte man sagen, und eine Zeit lang kam sogar noch der Verlust der deutschen Einheit, Preußens wichtigster Leistung für Deutschland, hinzu. Schon durch diese Totalität des Endes hat Preußens Geschichte einen tragischen Grundzug bekommen: Das also ist aus dem Wunsch Friedrichs des Großen geworden, sein Preußen möge dauern "jusqu`à la fin des siècles", bis ans Ende der Jahrhunderte. War alles vergebens, was Preußen seinen Menschen abverlangt, womit es sich empor gerackert hatte, diese staatliche Energieleistung ohne Beispiel? - so könnte man fragen.

Aber die Tragik der preußischen Geschichte liegt, so meine ich, noch tiefer. Deutsches Staatsdenken, die deutsche Staatsidee hat mit der Preußischen, der so lange verehrten, radikal gebrochen und hat sie durch die der westlichen Demokratien ersetzt. Soweit der deutsche Sonderweg durch Preußen bestimmt wurde, ist er verlassen. Als Vorläufer unserer heutigen Demokratie lässt sich Preußen nicht in Dienst stellen. Preußen sah den Menschen eingefügt in feste, schwer veränderbare Ordnungen, und er verdiente sein Recht, das er bekam, durch Dienen für den Staat. Hybris und Scheitern des Nationalsozialismus haben nicht nur die Vergötzung, sondern den Primat des Staates überhaupt diskreditiert und die Annahme westlichen Staatsdenkens erleichtert. Dieses geht vom Einzelnen, seiner Würde und seinem Recht aus und stuft den Staat auf ein Instrument zurück, dazu bestimmt, der Summe seiner Bürger ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Grundrechte, parlamentarische Demokratie und rechtliche Bindung der Staatsgewalt sind die Mittel dazu. In Deutschland, auch im vereinigten Deutschland, ist dieses Staatverständnis heute, glaube ich, fest verankert. Deutschland ist in diesem Sinne im Westen angekommen.

Und weiter: Preußens Handeln im Mächtesystem seiner Zeit musste sich an der machtbestimmten Konkurrenz der europäischen Staaten orientieren, in der Durchsetzen, Überleben und Wachsen durch Ansammlung und Einsatz auch kriegerischer Macht allgemeine Maxime war. Es ist unsinnig, Preußen dafür rückwirkend zu tadeln, weil man historisches Handeln nur nach den Bedingungen seiner Zeit be- und verurteilen darf. Ebenso verfehlt ist es aber zu verkennen, dass nach den Erfahrungen zweier Weltkriege die europäische Staatenwelt heute anderen Maximen nachlebt oder sich zumindest darauf zubewegt. Kriegsverhütung ist die oberste dieser Maximen, kollektive Gewährleistung von Sicherheit das bevorzugte Mittel. Die Erfahrungen des Macht- und Militärstaates Preußen passen in eine solche Denk- und Verhaltenswelt schlecht hinein.

Für Europa wird die perfekteste Form der Kriegsverhütung heute im Zusammenschluss seiner Staaten gesehen. Schon der gemeinsame Weg auf die Union zu verleiht den Beziehungen zwischen den Völkern eine neue Qualität.

Im Blick auf Preußen besonders interessant, wir haben es schon gehört, ist natürlich das Verhältnis zu Polen. Als der Große Kurfürst seine Karriere begann, beherrschte er noch die polnische Sprache, denn er war, für Ostpreußen, Lehnsmann des polnischen Königs. Später kamen umgekehrt wechselnd große Teile Polens unter preußische Herrschaft. Und Preußen war mitverantwortlich dafür, der polnischen Nation ihre staatliche Existenz zu nehmen. Das erste und zweite Preußen, von dem ich gesprochen habe, verfuhren dabei hart, aber nicht unmenschlich. Mit dem Satz "Preußen können wir sein, Deutsche aber nicht werden" erkannte ein preußischer Pole dies ausdrücklich an. Den Preußen machte es ja auch nichts aus, dass Truppenteile, in denen polnisch oder sorbisch sprechende Soldaten dienten, in deren Sprache kommandiert wurden. So noch 1866, als ein Regiment aus dem Posenschen von seinem Kommandeur auf polnisch in den Kampf geschickt wurde, ausgerechnet gegen die Bayern, in der Schlacht bei Kissingen. Später änderte sich diese Haltung. Der rabiater werdende Nationalismus führte zu einem verbissenen Volkstumskampf, wie man das nannte, zwischen Deutschen und Polen. Heute, wo weite Teile des früheren Preußen polnisch sind, begreifen wir die Nachbarschaft und die Perspektive der Union auch als die Chance, polnische und preußische Geschichte als ein gemeinsames Erbe anzunehmen.

Nicht nur als Staat, auch mit seiner Problem- und Ideenwelt ist Preußen also versunken. Hinzu kommt, dass wir nach meiner Meinung in diesen Jahren einen Abschied von Preußen erleben, in dem Sinne, dass nicht nur die letzte unmittelbare, sondern auch die letzte mittelbare Erlebnisgeneration Preußens verschwindet, jene Generation, die also noch Zeugen Preußens gekannt hat. Preußen ist dabei, vom Gegenstand persönlichen Erlebens und Vermittelns zum Reservat der Archive und anderer Beweismittel zu werden, gleich anderen versunkenen Staaten wie Byzanz, Burgund, Savoyen oder Venedig, die dort schon lange angekommen sind.

VII.
Bei jedem Abschied, auch bei diesem, macht man sich Gedanken. Beim Abschied von Preußen fällt der Blick auf eine ungewöhnlich ereignisreiche, bewegte Geschichte, in der es von farbigen Gestalten in Staat und Gesellschaft nur so wimmelt, darunter auf den preußischen Spezialgebieten Krieg und Politik zwei Gestalten von bleibendem europäischen Rang: Friedrich der Große und Bismarck. Auch die Hinterlassenschaften Preußens im nationalem Sprüche- und Anekdotenschatz, der ja Erfahrung und Weisheit einer Nation verkörpert, ist beträchtlich. Ein solches historisches Erbe wird wertvoll bleiben, ganz gleich wie man Preußen, seine Karriere und seine großen Gestalten im Einzelnen bewertet.

Diese Bewertung war immer kontrovers und wird es immer bleiben. Man hat sich in dieser Hinsicht bequemerweise auf das Bild vom Januskopf verständigt, den Preußen schon nach Meinung der Madame von Stäel hatte: auf der einen Seite die schwarze Fratze des gnadenlosen Macht- und Militärstaates, auf der anderen Seite der weiße, strahlende Kopf des geistigen und kulturellen Preußen. Je nach Bedarf kann man den einen oder den anderen Kopf ins Licht rücken und das Gegenstück wegblenden, Preußen auf Kasernenhof und Spießruten oder auf Toleranz und Flötenspiel reduzieren. Aber Preußen hatte natürlich nur einen Kopf, den man stets in seiner Gesamtheit nehmen muss. So wie man im historischen Bild Venedigs auch nicht nur die Kunstgeschichte sehen darf, sondern die militärische Expansion über den östlichen Mittelmeerraum und die Bleikammern zu Hause einbeziehen muss. Stets war das eine nicht ohne das andere zu denken. Und was Preußens Künstler und Gelehrte schufen, wäre ohne Preußens Kriege und deren Früchte und ohne die Macht seiner Könige so auch nicht zu Stande gekommen.

Nehmen wir Preußen in diesem Sinne ruhig als Ganzes, die historische Distanz erlaubt uns das. Preußens Form und Weg sind nicht mehr unsere Form und unser Weg. Preußen ist kein politisches Problem mehr, sondern ein historisches. Aber von Preußens Leistungen bleibt genug, das nicht nur weiterwirkt, sondern auf das wir heutigen Deutschen je nach Herkunft und Veranlagung mit Duldung, Respekt oder gar Stolz blicken dürfen.

Das gilt schon für die deutsche Einigung, das Zustandebringen eines deutschen Staates, Preußens wichtigste historische Leistung. Das kriegerische an ihrem Zustandekommen war in erster Linie den Verhältnissen und Denkweisen des 19. Jahrhunderts geschuldet. Auch Italiens Einheit war ja nur durch klassische Angriffskriege zu haben, ohne dass die Italiener darüber heute noch Tränen vergössen. Bismarcks deutsche Einheit hätten wir, seien wir nur ehrlich, noch vor 12 Jahren als verspielt geschildert. Heute, da sie uns wiedergeschenkt wurde und da sie von einem neuen und anderen Staatsverständnis getragen wird, können wir die Linie, die von Preußens Reichsgründung bis zu unserem heutigen Staat führt, wieder unbefangener wahrnehmen, und kein geringerer als Henry Kissinger hat uns das auch schon vorgemacht.

Dass wir diesen Staat aller Deutschen wiederhaben, erlaubt uns, von der gesicherten Basis aus wie unsere Nachbarn als europäischer Normalfall auf die wachsende Union Europas zuzugehen, erlöst von den „querelles allemandes“, mit denen auch die ungleichen Zwillinge Bundesrepublik und DDR ihrer Umwelt auf die Nerven gingen.

Neben Politik und Wirtschaft ist ein großer gesellschaftlicher Entwicklungsstrang die Kultur, und nirgendwo wirken Preußens Leistungen greifbarer fort als hier. Der bauliche Kern Berlins, bis auf das aus Rachsucht herausgesprengte Schloss überraschend vollständig erhalten, wiederhergestellt oder dafür vorgesehen, gehört zu diesen Leistungen. Schlüter und Schinkel sind die größten Namen, die sich damit verbinden. Dieser Kranz von Bauten drückt in unübertroffener Weise das Selbstverständnis des Preußischen Staates aus, indem er Politik, Militär, Religion, Bildung und Kultur zu einem Ensemble vereinigt, das die Grundelemente dieses Staates anschaulich macht und aufeinander bezieht - ein echtes Gesamtkunstwerk. Auch das Gesamtkunstwerk Potsdam gehört hierher. Nennen Sie mir, meine Damen und Herren, eine Stadt, die mehr durch einen historischen Staat geprägt worden ist, als Potsdam, seine Schlösser und seine Gärten durch Preußen. Die Berliner Universitäten und die Berliner Museen gehören hierher, beide durch Wilhelm von Humboldt mit Konzeptionen ausgestattet, die heute noch modern sind. Fünf preußische Könige haben an der Museumsinsel gebaut. Aber auch der Freistaat Preußen stellte sich wie selbstverständlich in diese Tradition und ermöglichte trotz größter finanzieller Probleme 1930 die Vollendung des Pergamonmuseums. Es war ein sozialdemokratischer preußischer Kultusminister, der bei der Eröffnung das Bekenntnis abgab, nie sei für den Menschen die Begegnung mit großer Kunst wichtiger als in Zeiten großer Not. Es war Humboldtscher Geist, der aus diesen Worten sprach.

Da ich von der Entsorgungsmethode des Januskopfes wenig halte, möchte ich nach der Kultur auch der militärischen Seite Preußens gedenken. Gerade weil unser Staat und seine Bürger zu einer grundlegend anderen Auffassung von der Rolle des Militärs in Staat, Gesellschaft und Politik gefunden haben, sollten wir auch ganz unbefangen von dieser Seite Preußens sprechen. Sie hat dunkle, aber auch eindrucksvolle Züge. Die militärischen Leistungen der preußischen Armee und viele ihrer Führungsgrundsätze waren das Staunen der Welt und sind längst Teil der europäischen Militärgeschichte. Von Kadavergehorsam war diese Armee in ihren besten Zeiten jedenfalls weit entfernt. Kritischer mitdenkender Gehorsam war gefragt, in taktischer wie in moralischer Hinsicht. Die reichen Beispiele dafür sind Teil des preußischen Anekdotenschatzes. Die preußischen Reformer haben das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform vorausgedacht und sind dafür zu Recht mit einem Ehrenplatz in der Traditionsgalerie unserer Bundeswehr bedacht worden. Clausewitzens geistige Durchdringung des Phänomens Krieg ist Besitz der Welt. In Südamerika wurde ich ebenso informiert auf ihn angesprochen wie in Pakistan. Es gibt mithin reichlich Leistungen Preußens, die auch wir als Bürger unseres demokratischen Staates Leistungen nennen können und nennen sollten.

Erleichtert wird dies dadurch, dass zwei leitende Prinzipien des preußischen Staates auch Prinzipien unseres Staates sind, sogar seine Identität mitprägen. Es sind die Prinzipien des Rechtsstaates und der Toleranz. Beide sind für die Freiheitlichkeit unsers Staates ebenso konstituierend wie die Demokratie. Die Toleranz als Staats- und Lebensprinzip war kein preußisches Monopol. Hugenotten fanden auch in anderen deutschen Staaten Zuflucht. Auch wurde staatlichen Toleranz zu allen Zeiten und auch in Preußen durch wirtschaftspolitische Nützlichkeit mitbestimmt. Wenn sie in Deutschland trotzdem bis heute als eine preußische Errungenschaft gilt, so liegt das außer an Größe und Prestige Preußens an der Konsequenz und an der Signalwirkung, mit der sie in Brandenburg und Preußen, in einer noch ganz anders denkenden Umwelt, theoretisch entwickelt und praktisch umgesetzt wurde. So mühsam und holprig etwa der Weg zur Gleichstellung der Juden in Preußen war, so wurde er doch gegangen, mit der staatsbürgerlichen Gleichstellung durch Hardenberg 1812 als entscheidendem Fortschritt, und auch im dritten, dem kaiserlichen Preußen fühlten sich die Juden im europäischen Vergleich alles in allem gut aufgehoben. Der völkisch orientierte Nationalismus hat die große Tradition der Toleranz dann über Bord gehen lassen, mit dem Dritten Reich als traurigem Höhepunkt. Heute tun wir gut daran, an die Toleranztradition des frühen Preußen anzuknüpfen, aus seinen Erfahrungen und Leistungen in der Aufnahme- und Integrationspolitik zu lernen.

VIII.
Sie haben, meine Damen und Herren, mir bis hierher mit großer Standhaftigkeit zugehört, Standhaftigkeit gehörte zu den preußischen Tugenden. Wenn dieses Stichwort fällt, denkt man an Haltungen, die Preußen, und zwar bereits das erste, das friderizianische Preußen, von seinen Staatsdienern und seinen Staatsbürgern verlangt und auch erhalten hat, nicht immer und nicht von allen, aber doch weithin. Pflichttreues, selbstloses Dienen ist die Kerntugend. Disziplin, Bescheidenheit und Sparsamkeit der Verwaltung wie der Lebensführung, Rechtlichkeit, Genauigkeit und Unbestechlichkeit lassen sich hinzufügen. Mit christlicher Ethik verknüpft, wie es für Preußen kennzeichnend war, wurde und wird an diese Tugenden durch das Lied "Üb immer Treu und Redlichkeit..." erinnert, dessen Melodie ein italienischer Gassenhauer war, das dann aber durch das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche zum musikalischen Markenzeichen Preußens wurde und noch heute in Potsdam wie in Berlin Tag für Tag erklingt. Unser Volk hat dem toten Preußen die seltene Ehre erwiesen, in seinem Sprachgebrauch Persönlichkeiten, bei denen sich Tugenden wie die genannten finden, nach wie vor das Prädikat „preußisch“ zu verleihen. Aktuelle Beispiele dafür in der Publizistik zu finden ist nicht schwer, wobei man sich manchmal über die Bandbreite der Verleihungen wundert.

In ihrem zeitlosen Kern bezeichnen die preußischen Tugenden Haltungen, die jeder intakte Staat von seinen Dienern und von seinen Bürgern fordert und auch braucht. Insofern findet man preußisch Anmutendes auch in den Traditionen anderer Länder und Kulturen. Nicht jede Maxime, die preußisch klingt, ist es auch. Nehmen wir den schönen Satz "Glück kommt nicht von den Dingen, die wir besitzen, Glück kommt durch die Arbeit und unseren Stolz auf das, was wir tun". Das hätte ein Preuße sagen können, aber gesagt hat es der Mahatma Gandhi im fernen Indien.

Zu bedenken ist auch, dass man nicht jede altpreußische Verhaltensregel mechanisch auf die Welt von heute übertragen kann. Dazu erlauben Sie mir bitte einen kleinen Scherz: Mit der natürlich scherzhaft gemeinten, aber nicht ganz unpreußischen Verhaltenregel „Niemals untätig herumsitzen, notfalls Entfernungschätzen üben!“, kann unsere friedfertige Freizeitgesellschaft nur noch wenig anfangen. Und jetzt werde ich auch gleich wieder ernst: Die berühmte Maxime „Viel leisten, wenig hervortreten. Mehr sein als scheinen“, die aus der Denkschule des Preußischen Generalstabes stammt, klingt in der Mediengesellschaft von heute, wo es auf Selbstdarstellung ankommt und es von PR-Agenten, Image Makers, Spin Doctors und anderen Hilfstrompetern nur so wimmelt, wie ein Patentrezept für den politischen und beruflichen Selbstmord. Und doch berührt uns der ideale Kern, der in dem Satze steckt, noch immer, und sei es nur als Mahnung aus einer verlorenen Welt. Dass die Anrufung der preußischen Tugenden nicht verstummen will, zeigt - wie Richard von Weizsäcker hier in Berlin zu Recht gesagt hat - nur, dass sie irgendwie vermisst werden.

Natürlich sind sie vor allem in der Spätzeit Preußens gefährlich übersteigert und dann vom Nationalsozialismus missbraucht worden. "Wer auf die preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört", diesen Satz lernte ich im Dritten Reich in der Schule. Und auch den Satz: "Tritt ein in Reih und Glied, das Ganze zu verstärken, mag auch wer`s Ganze sieht, Dich nicht darin bemerken". Nach Zweck oder gar ethischer Fundierung des Ganzen wird hier nicht mehr gefragt. „Das Ganze“ ist Selbstzweck geworden, zum beliebigen Einsatz freigegeben, und es kommt auch nicht mehr darauf an, wofür die Fahne steht, zu deren Gunsten man sich ja nicht nur seiner materiellen Güter, sondern schließlich auch seiner moralischen Selbstverantwortung entäußern soll. Preußisch war solches Entgleisen seiner Tugenden eigentlich nicht. Und solange Preußen als Staat intakt war, kam es auch nicht dazu. Und als es im Nationalsozialismus dazu kam, erwuchsen aus preußischer Tradition auch die Gegenkräfte.

Unser heutiger Staat braucht in erster Linie demokratische Bürgertugenden. Doch meine ich, dass uns auch ein Schuss staatsbezogener Tugenden ganz gut täte. Preußen hat diese Haltungen in seinen besten Zeiten zum Markenzeichen entwickelt. Und daher sollte man sie, wenn man in geschichtlichen Traditionen denkt, auch so nennen. Entscheidend ist in jedem Falle, dass unser Staat die Haltungen, die er braucht, auch bekommt. Aber warum sollten nicht auch gestandene Demokraten ab und zu nachdenklich das Potsdamer Glockenspiel hören?

Preußen ist versunken und wird als Staat nicht wieder erstehen. Der Weg Deutschlands hat sich von Preußens Wegmarken gelöst. Doch nicht nur das kulturelle Erbe des preußischen Staates bleibt uns anvertraut, auch das Andenken an seine bewegte Geschichte, deren Spuren um und in uns sind. Wir sollten dem versunkenen Staat, in dem ein großer Teil unseres Volkes, und für viele von uns gilt: unserer Vorfahren, Generationen hindurch gelebt und gedient hat, nicht die Gerechtigkeit, aber ich meine: auch, den Respekt nicht versagen, den er über das Grab hinaus verdient.



Gemeinsames Projekt der Länder Berlin und Brandenburg - zur 300. Wiederkehr
der Krönung des ersten Königs in Preußen